Prolit Promotionsstudiengang "Literaturwissenschaft"
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Hannes Mittermaier

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Akademischer Lebenslauf


Sokrates Mainomenos. Zur Diversität des Sokratismus im Zeitalter der Aufklärung

Friedrich Nietzsche bezeichnet Sokrates als „den einen Wendepunkt und Wirbel der sogenannten Weltgeschichte“, weil er das instinkthafte Handeln des Menschen durch die Notwendigkeit des logon didonai pervertiert habe. Was als damit begonnene Herrschaft des Logozentrismus bezeichnet werden kann, ist der Wunsch, das eigene Dasein mit Wissen nicht nur erklären, sondern überdies auch korrigieren zu können. Wissen-wollen um jeden Preis ist das Resultat der griechischen Sophistik, die in Sokrates den Ahnherrn des theoretischen Menschentypus gefunden hat.

Doch zugleich ist Sokrates die Depravation dieses neuen Wissensideals. Als aufklärender Aufgeklärter ist er ebenso der Grenzwert seiner eigenen Methodik, indem er das Nicht-Wissen als oberste Kategorie des Wissens fasst. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, das ist der Schlachtruf der Aufklärung, die immer schon wissen wollte, aber nie mehr wissen kann als über ihr eigenes Nicht-Wissen.

Seither ist das Auftreten des Sokrates als sich äußernde Tendenz zum Wissen ubiquitär, wofür ich den Ausdruck „Sokratismus“ tentativ gebrauche, der nicht zufällig von Johann Gottfried Herder zum ersten Mal im 18. Jahrhundert gebraucht wird – in einer Zeit, die sich spätestens mit Kant selbst als „Aufklärung“ begreift. Mein Promotionsprojekt fragt: Wie geht die Aufklärung selbst mit dem Aufklärungsimpetus des Sokratismus um? Primär beantworten möchte ich diese universal und interdisziplinär gestellte Frage anhand einer Auswahl deutschsprachig-literarischer Texte, die, grob gesprochen, zwischen rationalisierter Religiosität (Klopstock), travestiertem Ästhetizismus (Hamann) und selbstreflexivem Philosophem (Wieland) changieren. Was in nuce für die Ambivalenz des Sokratismus spricht, ist die personifizierte Hypostase desselben, der in Sokrates eine immer auf sich selbst bezogene Dialektik der Aufklärung erzeugt, die sich lediglich selbst hinterfragen und damit beschränken kann. Vielleicht ist gerade die sokratische Aporie des Erkennenkönnens der Umschlagepunkt von Philosophie in Dichtung. Auch gerade deshalb ist die Untersuchung der Sokrates-Figur im poetischen Kontext von besonderer Relevanz.

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