Prolit Promotionsstudiengang "Literaturwissenschaft"
print

Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Tamara Fröhler

Eine Vielzahl der dramatischen Helden und Heldinnen des ausgehenden 19. Jahrhunderts betritt – trotz aller Diskontinuitäten in der literarischen Modellbildung der Zeit – die Bühne als tragödienpoetischer Problemfall: Das aufklärerische Selbstbewusstsein ist längst dahin, eine Krise der Subjektautonomie entzieht ihnen ihre Handlungsmacht und integriert sie nicht als Täter, sondern als Opfer ins dramatische Gefüge. Das tragische Figurenpersonal wird ersetzt durch ‚Statisten‘ (Szondi) und ‚Marionetten‘ (Craig), die sich schlafwandelnd oder auch ausschweifend durch die Texte bewegen, ohne dabei wirklich von der Stelle zu kommen. Ohnmacht wird zur entscheidenden Qualität dieser Charaktergestaltung, die die seit Hegel ausgerufene ‚tragische Krisis der Tragödie‘ (Klaar) einlöst.
Die dramatische Kraftlosigkeit dieser ‚letzten Helden‘ (Vinçon) befindet sich jedoch bisweilen in einem deutlichen Spannungsverhältnis zum metaphorischen Bestand, mit dem die Protagonisten und Protagonistinnen ausgestattet sind. Hofmannsthal und Wedekind aktivieren die tragödienformalen Beschreibungssysteme des Bindens und Fesselns, der Netze und Knoten und bannen diese Texturen ihren machtlosen Figuren auf die Körper. In Form von Schlangen und Seiltänzerinnen, Bewegungskünstlern und Medusen allegorisieren und materialisieren sich diese Strukturprinzipien in den dramatischen Figuren des ausgehenden 19. Jahrhunderts und geben auf diese Weise den ohnmächtigen Helden und Heldinnen die Fäden zurück in die Hand. Wissensgeschichtlich wird dabei angeknüpft an die Aktivierung des epistemischen Potentials der Netzmetapher in anthropologischen Diskursen der Zeit: Der Körper als gebundenes, fesselndes und von Knoten übersätes Netz ist eine Denkfigur, die im 19. Jahrhundert disziplinübergreifend wirksam wird und von dort aus auch die dramatischen Statisten in Bewegung versetzt. Die leibliche Bindungssouveränität macht den fesselnden Figuren-Körper des Dramas zum Ausgangspunkt tragischer Formprinzipien und verschiebt nicht nur die tragische Radikalopposition von Stoff und Form in Richtung des Stoffes, sondern verleiht den Figuren gleichzeitig eine formästhetische Beweglichkeit, Bindungsmacht und Souveränität, die als Modellentwurf für eine spezifisch moderne Tragödie gelten kann.
Das Promotionsvorhaben nimmt diese Verkörperlichung dramatischer Bindungssysteme im 19. Jahrhundert in den Blick und möchte mit einer Genealogie der dramatischen Materialisierung, deren Spuren zuerst bei Grillparzer und Hebbel, dann aber auch bei Wedekind und Hofmannsthal sichtbar werden, die Denkfigur des bindenden und fesselnden Körpers als einen zentralen tragödienpoetischen Modus des 19. Jahrhunderts lesbar machen.

tamara.froehler[at]germanistik.uni-muenchen.de